Dynamo Windrad – Ausgabe 04/2013: Die schlimmstmögliche Wendung – Die Stadt Kassel und die Abwicklung des Kulturzentrums Salzmannfabrik

”Eine Geschichte ist dann zu Ende erzählt, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat”.

Ob sich dieses Dürrenmatt Zitat auch auf die Salzmannfabrik anwenden läßt, ist nicht sicher, aber sehr wahrscheinlich. Jedenfalls befindet sich das denkmalgeschützte Gemäuer in Bettenhausen derzeit auf dem direkten Weg in die ewigen Jagdgründe und es steht zu befürchten, daß in einigen Jahren nur noch staubende Trümmer von der einstigen Schwerweberei künden. Das ehemals prosperierende Kulturzentrum, das sich dort über Jahrzehnte entwickelt hatte, wurde 2012 innerhalb weniger Wochen restlos liquidiert.
Wer ist schuld? Diese Frage treibt spätestens seit dem Ende des ”Technischen Rathauses” viele Interessierte um. Der Hauptverantwortliche für das Desaster ist schnell ausgemacht: Der ”Investor” steht in der Öffentlichkeit als Bösewicht da. Dennis Rossing wird das traurige Ende der hochfliegenden Pläne angelastet, er hat durch sein Tun und – vor allem – Unterlassen das Schicksal der Fabrik und ihrer ehemaligen Bewohner nach Ansicht der meisten Kasseläner auf dem Gewissen. Aber sind die Anwürfe gegen den Noch-Eigentümer der historischen Immobilie in dieser Form tatsächlich berechtigt?
Rückblende: Im Jahr 2007 übernimmt der Hersfelder Unternehmer Dennis Rossing die alte Salzmannfabrik an der Sandershäuser Straße und plant, das historische Bauwerk – unter Einbeziehung der dort seit Jahren ansässigen Kulturinitiativen und Kleinunternehmen – in ein blühendes Handels- und Kulturzentrum zu verwandeln. Die Pläne schlagen fehl, ebenso wie das Vorhaben, auf dem Gelände eine hypermoderne Sportarena zu errichten. Die Lage wird für die Beteiligten immer schwieriger, Stadt und Eigentümer suchen verzweifelt nach Möglichkeiten, das Gebäude, das zusehends verfällt, zu retten und einer sinnvollen Verwendung zuzuführen. Irgendwann entsteht die Idee, bestimmte Abteilungen der Stadtverwaltung aus dem Rathaus und anderen Standorten auszugliedern und in die Salzmannfabrik zu verfrachten. Der Plan scheint genial: Man nutzt das Gebäude sinnvoll und behebt gleichzeitig die seit Jahren bestehende Raumnot der städtischen Verwaltung.
Fragt sich nur: Was wird aus den bisherigen Mietern der Salzmannfabrik, aus den Kultureinrichtungen, den Ateliers und Werkstätten, aus den Studios und Veranstaltungsorten, aus den Handwerkern und den Bands im Keller? Ursprünglich hatte der Eigentümer Rossing den Mietern zugesichert, sie ”mitzunehmen” und auf ihre Interessen Rücksicht zu nehmen. Davon ist aber Ende 2011, als die Stadt die Anmietung von Räumen in der Salzmannfabrik offiziell beschließt, keine Rede mehr. Der Eigentümer verweigert konsequent jeglichen direkten Kontakt mit den Mietern und schickt seinen Architekten vor, der beruhigt und beschwichtigt, aber keinerlei konkrete Angebote macht. Die Mieter hängen völlig in der Luft – sie wissen nicht, ob sie im Gebäude bleiben dürfen oder ausziehen müssen, sie erfahren nicht, wie die Pläne des Eigentümers konkret aussehen. Immer wieder bitten sie ihn darum, informiert und rechtzeitig in die Planungen einbezogen zu werden – vergeblich. An seine einstigen Versprechungen, die Nutzer permanent auf dem Laufenden zu halten und ”jederzeit für Fragen und Wünsche zur Verfügung zu stehen”, erinnert er sich nur noch dunkel.

Die Kulturinitiativen wenden sich in ihrer Not an die Stadt, die als künftiger Hauptmieter und als Baugenehmigungsbehörde gewisse Einflußmöglichkeiten auf den ”Investor” hat. Oberbürgermeister (und Kulturdezernent) Hilgen und Stadtbaurat Nolda sagen zu, sich um die Belange der Alt-Salzmänner zu kümmern. Es finden Gespräche und Versammlungen statt – ohne greifbaren Erfolg. Als den Mietern Anfang Juli 2012 völlig überraschend die Kündigungen zum 1. Oktober ins Haus flattern, ist das Entsetzen groß: Niemand konnte sich vorstellen, dass Rossing diesen Weg gehen würde, ohne vorher ein einziges Mal mit seinen langjährigen Mietern gesprochen oder sie vorab informiert zu haben. Die Mieter stehen vor der Situation, innerhalb von drei Monaten neue Räume finden, diese beziehen, den Umzug und Umbau organisieren und finanzieren zu müssen. Viele sehen sich außerstande, diese Aufgaben innerhalb der vorgegebenen Zeit zu bewerkstelligen. Angst und Verzweiflung machen sich breit – aber auch Hoffnung. Man kann einfach nicht glauben, daß die Politik die Kultureinrichtungen im Regen stehen läßt – es muß doch einfach Mittel und Wege geben, die Fabrik und ihre Nutzer vor dem Untergang zu bewahren und eines der größten Kasseler Kulturzentren dauerhaft zu erhalten.

Es gab sie nicht, die Mittel und Wege. Die Stadt mühte sich eine zeitlang erfolglos. Der Eigentümer beharrte auf seinem Rechtsstandpunkt – er hatte fristgerecht gekündigt, die Mieter sollten zeitnah verschwinden. Eine der Presse gegenüber angekündigte Mieterversammlung fand nicht statt. Mit ungläubigem Entsetzen erkannten die Salzmann-Nutzer, daß es keinen ”Plan B” gab, keinen Notfall-Topf, keinen Rettungsschirm. Trotz jahrelanger Bitten und Nachfragen hatte sich offenbar keiner der Verantwortlichen ernsthaft Gedanken gemacht, wie man in dieser Situation, die ja lange absehbar war, verfahren sollte. Die ”Kulturstadt” Kassel sah mehr oder weniger tatenlos zu, wie eines ihrer renommiertesten und größten Kultur- und Stadtteilzentren regelrecht zerschlagen wurde. Man war nicht bereit, den Mietern finanzielle Unterstützung bei der Einrichtung neuer Räume zu gewähren, man sah sich nicht in der Lage, Einfluß auf den Hauseigentümer auszuüben und ihn an seine früheren Versprechen den Mietern gegenüber zu erinnern. Stattdessen zog sich die Stadt auf die juristische Position zurück, man könne einem privaten Immobilienbesitzer keine Vorschriften machen, wie er mit seinem Eigentum zu verfahren habe. Schnell wurde klar: Der Stadt ging es vor allem um die Realisierung des Projekts ”Technisches Rathaus”. Eine Verknüpfung mit den Interessen der Kulturträger lehnte man ab, um die ohnehin schwierigen Verhandlung mit Rossing nicht weiter zu belasten. Mit anderen Worten: Die Kultur bei Salzmann wurde den städtischen Umzugsplänen geopfert. Während der teils hitzig geführten STAVO-Debatten zum Thema spielte die Lage der Altmieter kaum eine Rolle. Sie dienten bestenfalls als Munition in der politischen Auseinandersetzung.

Daß die Pläne zur Einrichtung des ”Technischen Rathauses” letztendlich gescheitert sind und daß die Salzmannfabrik nun als Ruine bis zum endgültigen Abriß vor sich hinfault, ist lediglich die bittere Pointe in einem grausigen Trauerspiel. Wir wollen keine Legendenbildung betreiben: Auch vor der Übernahme des Gebäudes durch Dennis Rossing war die Situation der Mieter schwierig – der ehemalige Eigentümer tat wenig, um das Bauwerk instandzuhalten, Teile des Geländes waren schon seit Jahren dem Verfall preisgegeben. Aber immerhin konnte dort eine lebendige, vielfältige und kreative Kulturszene existieren, die weit über Bettenhausen hinaus in die Stadt wirkte. Alles aus und vorbei: Die Initiativen sind in alle Winde zerstreut – einige wenige haben adäquate neue Räume gefunden, die meisten müssen zwangsweise mit suboptimalen Notlösungen leben. Der Verein Kulturfabrik Salzmann, seit Jahrzehnten einer der Leuchttürme der Kasseler Freien Kulturszene, residiert heute in einer baufälligen Brache am Stadtrand, viele der ehemals im Salzmann-Keller aktiven Bands hausen in kalten, kleinen und überteuerten Übungsräumen. Einige der Ex-Salzmänner haben gleich ganz aufgegeben.
Zurück zur Frage: Wer ist schuld? Sicher, Dennis Rossing trägt einen Großteil der Verantwortung für das Desaster. Aber auch die Stadt muß sich vorhalten lassen, Fehler gemacht zu haben. Wir wollen hier nicht die monatelang geführten Debatten um das ”Technische Rathaus”, um die Eissporthalle und die Folgen aufwärmen. Uns geht es um die Kultur – und in diesem Punkt machen die Verantwortlichen der Stadt keine gute Figur. War es tatsächlich nicht möglich, sich stärker für einen Verbleib der Kultureinrichtungen am Standort einzusetzen? Konnte die Stadt wirklich nicht massiver auf den Eigentümer Rossing einwirken? Warum stehen für solche Notfälle keine finanziellen Mittel zur Verfügung? Man soll die verschiedenen Kultureinrichtungen nicht gegeneinander ausspielen, aber: Für den Umbau des Stadtmuseums wurden kurzfristig zusätzliche Mittel in Millionenhöhe frei gemacht – warum konnte man nicht auch die Salzmann-Mieter unterstützen?

Die kulturellen Einrichtungen im Hauptbahnhof fürchten angesichts der derzeitigen Planungen ein ”Zweites Salzmann”. Ihnen kann man wenig Hoffnung machen. Die Interessen der Freien Kultur rangieren in Kassel unter ”ferner liefen”. Bleibt zu hoffen, daß uns die Salzmann-Ruine bis zu ihrem unweigerlich anstehenden Komplettabriß zumindest noch eine Weile erhalten bleibt – als Mahnmal und Symbol für den Stellenwert, den die Kultur außerhalb der ”documenta”-Zeiten in unserer Stadt einnimmt.

K. Werner, Dynamo Windrad, 04/2013

Advertisements

Kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s